| Unfallsicherheit im VW Käfer |
VW Käfer nach Frontalaufprall, Quelle http://www.herbie.net/ |
Die luftgekühlten Volkswagen Modelle sind von ihrer technischen
Grundkonzeption in der heutigen Zeit nicht mehr auf dem Stand der Technik. Es
stellt sich die Frage, ob ein sicheres Fahren mit diesen "Oldtimern" im Rahmen
unseres Hobbies überhaupt möglich ist und welche Gefahren im Falle eines Unfalls
eingegangen werden.
Ich möchte diese Fahrzeuge am Stand der Sicherheitstechnik der damaligen Zeit,
also der 60er und 70er Jahre messen. Dazu ist besonders die in den USA erstellte
Studie "The Volkswagen - an assessment of distinctive hazards" /1/ sowie die
Untersuchungen des HUK-Verbandes über innere Sicherheit im Auto /2/ geeignet.
Unter aktiver Sicherheit versteht man die Maßnahmen am Fahrzeug, die Unfälle von vornherein vermeiden helfen. Beim Käfer werden die Punkte
von Lesern der Zeitschrift Road & Track in den USA 1969 am meisten kritisert.
Die Prozentzahlen geben die Aussagen der Besitzer von Käfern der Baujahre 1963
bis 1967 wieder.
Seitenwindempfindlichkeit
Die Seitenwindempfindlichkeit wird beim Käfer begünstigt durch die geringe Vorderachslast
und den vor dem Schwerpunkt liegenden Seitenwind-Druckpunkt. Diese Tatsache
konnte durch konstruktive Maßnahmen nie geändert werden.
Eigenlenkverhalten
Die Tendenz zum Übersteuern ist konstruktiv vorgegeben durch
- eine hohe Hinterachslast und unzureichende Fahrwerksabstimmung auf diesen
Umstand,
- eine große Sturzänderung der hinteren Pendelachse mit Aufstützeffekt,
- eine große dynamische Radlaständerung hinten bei kleiner Spurweite begünstigt
durch
- ein hochliegendes Momentanzentrum (Rollzentrum) der Hinterachse und
- eine Bereifung mit zu geringer Seitenführung der Hinterachse.
Das hohe Momentanzentrum der hinteren Pendelachse in Verbindung mit dem auf
der Fahrbahrhöhe liegenden Momentanzentrum der Längslenkervorderachse ist eine
schlechte Vorraussetzung für eine sinnvolle Verteilung der Abstützung der Seitenkräfte
auf Vorder- und Hinterachse und damit ein neutrales oder leicht untersteuerndes
Eigenlenkverhalten.
Das Eigenlenkverhalten verbesserte sich durch die Einführung des Stabilisators
an der Vorderachse ab 1959 und der Ausgleichsfeder an der Hinterachse ab 1967.
Außerdem erbrachte die Federbeinvorderachse des 1302/03 eine Anhebung des
Momentanzentrums an der Vorderachse.
Das Niveau der übertragbaren Seitenkräfte kann durch Verwendung von schlauchlosen
Radialreifen auf Felgen mit mindestens 4 1/2 Zoll Breite (besser 5 1/2 Zoll)
erhöht werden.
Schlauchlose Reifen müssen auf Felgen mit Sicherheitsschulter (Safety Hump)
montiert werden. Dieses Felgenprinzip ist bereits 1940 in einem Patent von C.
H. Sauer beschrieben worden aber erst 1969 von Volkswagen umgesetzt worden.
Kippsicherheit
Die US-Organisation Automobile Crash Injury Research (ACIR) fand Anfang der
70er Jahre durch Auswertung von Unfallstatistiken in den USA heraus, daß die
häufigste Unfallart bei VW-Fahrzeugen der Überschlag infolge Kippen (rollover)
ist. 40,6% aller Unfälle mit VW-Fahrzeugen waren Überschläge. Davon sind 69%
als Alleinunfälle ausgewiesen!
Eine andere Studie der Cornell University /1/ stellt fest, daß 18% aller Unfälle
mit Pkw Kippunfälle sind. Diese Rate ist beim VW Käfer (Modelljahre 1968/69)
bei sagenhaften 41%! In Deutschland ermittelte Professor Max Danner /3/ einen
Anteil der Unfälle mit Überschlag von 8%.
Die ACIR berechnete eine kritische Geschwindigkeit, bei der die Wahrscheinlichkeit
ein Kippen zu erleben größer als 50% war. Diese kritische Geschwindigkeit liegt
bei VW-Fahrzeugen bei 90 km/h während andere Importautos im Durchschnitt mit
112 km/h angegeben werden. Amerikanische Pkw haben das gleiche Kipprisiko erst
bei Geschwindigkeiten über 140 km/h.
Die Überschlagshäufigkeit ist m.E. nicht durch ein ungünstiges Verhältnis von
Schwerpunktshöhe zu Radstand hervorgerufen sondern durch den Aufstützeffekt
der hinteren Pendelachse in Kombination mit einer Tendenz zum Übersteuern. Mit
Einführung der Schrägleinkerachse ist dieses Problem gelöst worden. Auch die
Tieferlegung des Schwerpunktes (Motor-Getriebeeinheit) reduzierte die Kippneigung.
Unter passiver Sicherheit werden alle Maßnahmen am Fahrzeug zusammengefaßt, die die Unfallfolgen für die Insassen gering halten sollten. Der Käfer muß sich in den Bereichen
| Fahrzeugklasse |
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| Volkswagen in USA |
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| US-Kompaktwagen |
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| US-Mittelklasse |
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|
| US-Oberklasse |
|
|
Die betrachteten amerikaneischen Pkw weisen durch längere Deformationswege und
durch ihr größeres Gewicht weniger Unfallopfer auf. Leichte Fahrzeuge, wie der
Käfer, hatten damals bauartbedigte Nachteile bei Kollisionen mit schwereren
Pkw. Heute genuzte Elemente, wie z.B. nachgiebige Längsträger und steife Fahrgastzellen
sowie der Begriff "Partnerschutz" waren beim Käfer noch nicht umgesetzt worden.
Ebenso sind beim Käfer keine Maßnahmen zur Verbesserung der Seitenaufprallsicherheit
(Türverstrebungen, verstärkte Schweller oder B-Säulen, Türverklammerung) anzutreffen.
Lediglich der 1303 verfügte über ein Mehrausstattungspaket (M190) mit einer
optionalen Türversteifung. Dieses Paket wurde vornehmlich in den USA eingesetzt.
Tank
Ein prinzipieller Nachteil aller VW Käfer mit Kurbellenker-Vorderachse ist die
Anordnung des Tanks im Deformationsbereichs des Vorderwagens. Der Tank ist starr
mit der Karosserie verbunden und nicht mit Stahlbändern, wie z.B. beim VW-Porsche
914, befestigt. Ein Frontalcrash bringt daher sehr oft eine Deformation des
Tanks mit sich, so daß Benzin auslaufen kann. Ein Kurzschluß in der sich in
der Nähe befindenden Elektrik genügt, um ein Feuer auslösen zu können.
Nach Aussage des HUK-Verbandes /2/ wurden in Deutschland 1975 nur 0,24% aller
Unfälle von einem Brand begleitet. Die Hälfte der verwickelten Fahrzeuge waren
jedoch Heckmotorfahrzeuge und die Todeswahrscheinlichkeit war 10 mal größer
als im Durchschnitt aller Unfälle.
Oft sorgte auch der bis August 1970 im Kofferraum untergebrachte starre Wagenheber
für eine Deformation des Tank. Deshalb wurde er ab 1302 unter der Rücksitzbank
untergebracht.
In den 60er Jahren wurde bekannt, daß bei einer Vielzahl von Frontalunfällen
sich der Tankdeckel vom Stutzen lösen konnte und Kraftstoff austrat. VW reagierte
mit einem verstärkten Deckel (Bild rechts), der in Schweden sogar in einer Nachrüstaktion
an alle VW Käfer Besitzer kostenlos verteilt wurde.
Türverriegelung
Eine Studie des US-amerikanischen Cornell Luftfahrt Laboratoriums fand heraus,
daß sich die Türen des VW Käfers vor 1965 bei einem Überschlag in 60,5% aller
Fälle von alleine öffneten. Diese Rate betrug bei den amerikanischen Pkw der
Kompaktklasse, die nach 1955 gebaut wurden und bereits mit Türschloßsicherungen
ausgerüstet waren nur 38,1%.
Dadurch wurden mehr Insassen, die nicht angegurtet waren aus dem Fahrzeug geschleudert,
als bei amerikanischen Pkw nach 1955, wie die Tabelle zeigt.
| Fahrzeugklasse |
Insassen |
| Volkswagen in USA |
|
| Renault in USA |
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| nach USA importierte Sportwagen |
|
| nach USA importierte Limousinen |
|
| US Kompaktwagen vor 1956 |
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| US Mittelklasse vor 1956 |
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| US Kompaktwagen nach 1955 |
|
| US Mittelklasse nach 1955 |
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| Unfallart |
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| Überschlag mit Kollision |
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| Alleinunfall mit Überschlag |
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|
| Alle Unfälle |
|
|
| Unfallart |
|
| Überschlag |
|
| Alle Unfälle |
|
In Deutschland lag 1975 nach breiter Einführung der Sicherheitsverriegelungen
die Rate der selbsttätigen Türöffnungen aller Unfallfahrzeuge unter den für
den VW Käfer ermittelten Werten aus USA. Es stellt sich jedoch die Frage, warum
VW nicht sofort das Drehfallenschloß des 1961 eingeführten VW 1500 (Typ 3) auch
im Käfer eingesetzt hat.
Lenkung
Die Einführung der folgenden Maßnahmen zur Erhöhung der passiven Sicherheit
der Lenkung hinkten z.T. hinter dem Stand der Technik ihrer Zeit hinterher oder
wurden nicht bei allen Modellen umgesetzt.
| Maßnahme |
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| Lenkrade mit tieferer Nabe, verkürzte Lenksäule |
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| Sicherheitslenksäule mit Deformationselement |
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| Lenkrad mit Prallfläche (außer VW 1200) |
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| abgewinkelte Lenksäule mit zwei Kreuzgelenken |
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Mindestanforderungen an die aktive und passive Sicherheit
An einen VW Käfer, der ggf. mit erhöhter Motorleistung im Straßenverkehr regelmäßig bewegt wird, würde ich folgende Anforderungen an die aktive und passive Sicherheit stellen:
/1/ Lowell Dodge et al: The Volkswagen - an assessment of distinctive hazards
Center For Auto Safety, Washigton D.C. 1971
/2/ HUK Verband: Innere Sicherheit im Auto, Hamburg 1975
/3/ Professor Max Danner, Häufigkeit von korrespondierenden Fahrzeugbeschädigungen
im Crashtest und im realen Unfall, 5. ESV-Konferenz
London 1974
/4/ Karl-Heinz Liebert, Die Lenkanlagen der Kraftfahrzeuge, Der Verkehrsunfall
6/1976